UWE SCHADE

Uwe Schade, Landstreicher, wurde 1923 geboren und starb 2009. Man weiss nicht viel über ihn.

Angetroffen wurde er in Luzern, neben ihm stand ein Fahrrad und lag ein Schlafsack. Vor ihm waren seine Gedichte ausgebreitet, angeboten gegen eine Spende. Ein Spaziergänger lief an einem jener Wintertage am Landstreicher vorbei, stoppte, ging zurück und las die Prosa-Gedichte. Fasziniert von der Ausstrahlung des Landstreichers und seinen weisen Worten, von der verbindenden und verbindlichen Kraft seiner Lyrik, hat er die Gedichte veröffentlicht.

Lektüre: „Die Harmonie der Welt“ von Uwe Schade

Uwe_SchadeZITATE UWE SCHADE

In Deiner Mitte fühlst Du die Welt
Mit Deinen Sinnen veränderst Du die Welt
Mit Deinem Denken fliehst Du die Welt
In Deinem Streben zerstörst Du die Welt

gefunden bei: satyamnitya.wordpress.com

An einem sonnigen Tag im Sommer 1992 schlenderte ich durch Hamburgs Innenstadt und hatte eine wundersame Begegnung. Mein Urlaub stand kurz bevor, und ich fühlte mich leicht und beschwingt. Die Zeit erschien mir wie ein einziger, gedehnter Augenblick – alle Dinge schienen auf innige Weise miteinander verwoben zu sein.

Mitten im Strom zielbewussten, geschäftigen Treibens saß ein weißhaariger, vollbärtiger, etwa 50-jähriger Bettler auf dem Gehsteig in der Sonne. Im Vorbeigehen erwog ich, ob ich dem Mann ein Almosen geben sollte oder nicht. Er war normal gekleidet – für einen „Bettler“ machte er einen ziemlich gepflegten Eindruck. Vor ihm auf dem Boden lagen einige Exemplare gehefteter Blätter mit der Aufschrift „Lyrik eines Landstreichers“. – „Merkwürdig…“, dachte ich, „dass ein Bettler sich selbst als Landstreicher bezeichnet…. Hat er womöglich einen gewissen Abstand zu der Rolle, die er spielt? Und dann spricht er nicht von „Gedichten“, sondern von „Lyrik“! Welches Schicksal mag wohl einen mit Lyrik vertrauten Menschen zum Bettler werden lassen?!”
Ich kehrte um und fragte ihn, ob ich ein Exemplar von ihm kaufen könne und was er dafür haben wolle. Er schaute mich freundlich-listig durch seine kleinen, runden Brillengläser mit wachem Ausdruck an und meinte nur: „Ach, vielleicht einen Taler.“
Auf den ersten Blick wirkte er unscheinbar, doch was er sagte, und wie er es ausdrückte, kam völlig unerwartet. Mir war auf einmal klar, dass hier kein irgendwie versponnener Typ saß, der sich ein wenig in der Zeit geirrt hatte und nostalgisch einem anderen Jahrhundert nachhing. Nein! Er strahlte etwas Zeitloses, Grenzenloses aus, das erst wenige Minuten später wie ein Blitz einschlug.
Jedenfalls schien er zu sagen, dass der Geldwert relativ sei und dass seine Gedichte nicht den Zweck erfüllten, einen armseligen Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Sein Anliegen war ganz anderer Art!
Ich verabschiedete mich, und noch im Weitergehen schlug ich neugierig die erste Seite auf und las:
„Dein Schicksal überrascht Dich nicht,
denn Du bist Dein Schicksal.
Deine Begegnungen wundern Dich nicht,
denn Du bist nicht getrennt von ihnen.
Dein Tod schreckt Dich nicht,
denn Du bist tausendmal gestorben.”

Die Worte wirkten nicht wie auswendig gelernte Lebensweis-heiten, die ich schon in der einen oder anderen Form bei Lao Tzu oder Angelus Silesius gelesen hatte! Mir lief ein Schauer den Rücken herunter, und ich war wie elektrisiert! Ich musste an eine weiße Wolke denken, die frei von Ziel und Zweck mit jedem Windhauch mitgehen und sich im grenzenlos blauen Himmel auflösen kann. Eine unbeschreibliche Leichtigkeit und Freude trieb mir die Tränen in die Augen. Dort saß ein Mensch, der Weite und Offenheit ausstrahlte und ein absolutes Vertrauen in die Existenz zu haben schien. Hinter der unscheinbaren, äußeren Form verbarg sich eine bodenlose Kraft, die nicht durch Aggressivität wirkte, sondern durch die Abwesenheit eines getrennten Selbst. In Wirklichkeit war dort „Niemand“.

Zwei Jahre später saß er vor dem Alsterhaus, und ich war erfreut, ihn diesmal fragen zu können, wie er zu diesem Lebenswandel gekommen und was der Hintergrund dieser erleuchtenden Gedanken sei. Ich wollte ihm auch etwas Geld geben für die Kopien, die ich ohne sein Wissen gemacht hatte, um sie Freunden zu schenken. Er lehnte ab und sagte, ich sei frei, diese Gedanken, die niemandes Besitzrecht seien, weiterzugeben. Ich solle die einzelnen Abschnitte nur nicht aus dem Zusammenhang reißen. Er erzählte mir, dass er vor einigen Jahren auf einer Wanderung an einem See „zu leuchten anfing“, dass sogar die Tiere innehielten und ihn anschauten. Er hätte in drei aufeinander folgenden Nächten immer den gleichen Traum gehabt, in dem ein Lichtwesen ihn fragte, ob er das Leuchten besitzen oder nur davon Zeugnis ablegen wolle, und da habe er geantwortet: „Nur sagen…!“

Die rückhaltlose Demut und Bescheidenheit, die keinen Besitzanspruch auf „Erleuchtung“ erhebt, scheint zu dieser bedeutsamen Eingebung geführt zu haben, die für immer nachklingen wird….
Im Jahre 1998 ist „das Sprachrohr“ dieser Verse – wie ich inzwischen erfuhr – von einem Krankenpfleger in Schleswig bis zu seinem in letzter Hingabe angenommenen Tode begleitet worden.

Kirti


5 Antworten to “UWE SCHADE”

  1. Mir ging es ähnlich beim Lesen von „Lyrik eines Landstreichers“
    Wer bis Du Kirti?
    Info bitte an post@uhr304.de

  2. Habe gerade einen Druck gefunden den ich mal von Uwe Schade bekam mit Filzstift steht auf der Rückseite Lyrik eines landstreichers m schade. Das hatte er selbst drauf geschrieben. Muss in den Achzigern gewesen sein, als ich ihn traf….habe gerade wenig Erinnerung an die Begegnung…und beim Suchen im Netz fand ich diese Seite hier.

  3. Ich habe diesen Menschen auch getroffen, als ich 1995 in Köln als Zivildienstleistender gelebt habe. Er saß vor dem Dom auf einer Decke inmitten seiner kopierten Hefte und sagte: „gib mir was du dafür geben willst“. Ich hatte wenig Geld damals und gab ihm 2 Mark; beschämend wenig dafür dass ich diese Gedichte wieder und wieder las, kopierte und verschenkte. Das gehört mit zum Weisesten was ich bislang gelesen habe.
    Aber diese Worte haben auch in mir etwas bewirkt und damit Früchte getragen. Uwe Schade wüsste das. Danke Uwe!

  4. Auch ich, wie die anderen Kommentatoren auf dieser Site, traf ich Uwe Schade zufällig. Es geschieht in Hannover, wo ich damals an der Uni studierte, und ich weiss sogar das genaue Datum jenes unvergesslichen Treffens, weil ich die Manie habe, den Anschaffungstag meiner Bücher und Hefte immer aufzuschreiben: Es war der 15. Juli 1995. Ich war 29 Jahre alt zu jener Zeit.
    Es ist viel Zeit seitdem vergangen und jenes Erlebnis meines Treffens mit dem sonderbaren und wortkargen Landstreicher war zum Teil in Vergessenheit geraten. Doch vor wenigen Tagen bekam ich in Alicante, der Stadt an der Mittelmeerküste, wo ich seit einigen Jahren lebe, mehrere Umzugskisten aus dem Domizil meiner Eltern in Nordspanien mit Büchern aus meinem damaligen Studium in Hannover. Darunter befand sich der Druck von Uwe Schade, dem mystischen und unbegründlichen Landstreicher jenes unvergesslichen Hannover-Treffens aus dem Jahre 1995.
    Damals wusste ich nicht, dass er Uwe Schade hiess. Nach dem Kauf seines Druckes „Die Harmonie der Welt“ sah ich auf der Rückseite die Erläuterung „Liryk eines Landstreichers“, was ich noch entziffern konnte, aber die zwei Worte drauf, die sich nach dem Lesen der hier stehenden Erläuterungen als seinen Namen Uwe Schade entpuppt haben, blieben mir damals ein Rätsel.
    Herr Schade war ein Sonderling, seine besondere Ausstrahlung fiel mir sofort auf. Es war kein herkömmlicher Bettler. Er bat auch nicht um Geld, er wollte davon gar nichts wissen. Er bot seine Literatur gegen etwas Geld. Ich traf ihn mit meinem Fotoapparat auf dem Schulter und frage ich höflich, ob ich eine Aufnahme von ihm machen durfte. Seine Antwort, mehr oder minder in dieser Form, die mir noch heute in Erinnerung bleibt, über 20 Jahre nach der damaligen Begegnung, lautete so ungefähr: „Wenn du mich aufnimmst, nimmst du mir die Seele weg“. Nach solcher Grundsatzerklärung hatte ich wohl wenig mehr zu sagen. Ich schämte mich vor mir selbst und nickte mit dem Kopf, wohl meinend, ich hätte verstanden, und wollte bloss für seinen Druck zahlen und gehen. Ich fragte schüchtern, ob er 10 Mark dafür annehmen würde, wozu er sagte, das sei zu viel Geld, worauf ich erwiderte, das sei in Ordnung.
    Ich nahm seinen Band ich die Hand, schaute nochmals perplex auf ihn und verabschiedete mich höflich und mit wenigen Worten von ihm. Ich war sprachlos von der Begegnung und wusste nicht richtig, wie ich die vorhin erlebte Situation einstufen sollte. Mir war einzig und alleine klar, dass ich einen „Zauberaugenblick“ erlebt hatte, soche Erlebnisse, die ganz besonders sind und das Leben eines Menschen für immer prägen.

  5. Hallo liebe(r Kirti,
    eine tolle Begegnung hattest du mit Uwe – ich freue mich sehr, deine Geschichte zu lesen. Auch ich bin Uwe 2000 in Landshut begegnet. Die Geschichte dazu kannst du auf meiner Seite nachlesen – oder hier nach meiner Anfrage.

    ich möchte dich fragen, ob du damit einverstanden bist, dass ich deinen Text sowie die Komments dazu auf meiner Seite, die ich bereits vor 10 Jahren über Uwe Schade gebaut hatte, … und kontinuierlich erweiterte, einstellen darf – natürlich mit deinem Namen und auch dem Link zu deiner Seite. Meine Seite ist privat und nicht kommerziell!
    Der Link zu dieser Seite steht in der Homepage-Zeile. Du kannst mich aber gerne anschreiben, wenn du möchtest, dass ich es wieder entferne oder etwas ändern soll.
    Ich würde mich sehr über deine positive Antwort freuen! Uwe war ein sehr ungewöhnlicher Mensch – Für mich war er so etwas wie ein Botschafter. Ich hätte ihn gerne wieder getroffen, als er noch auf Erden weilte. Woher weiß man, wann er gestorben ist? Gibt es noch andere Quellen?
    Durch diese, über ihn veröffentlichten Begegnungen – fühle ich mich mit ihm – und allen, die ihm begegnet sind, verbunden.

    Herzliche, liebe Grüße
    Regina Rau

    ———————————————————–
    Der Landstreicher

    Oktober 2000
    Landshut – vor dem Rathaus

    Teil 1

    Begegnung mit dem ‚Steppenwolf‘ Uwe Schade

    Ich war an einem nieseligen Tag in der Stadt unterwegs, um ein paar Besorgungen zu machen. Es kommt hin und wieder einmal vor, daß vor einem Kaufhaus oder vor dem Rathaus Menschen mit Hut oder einem Kärtchen sitzen, die um ‚Almosen‘ bitten. Es gab eine Zeit, da gab ich grundsätzlich jedem etwas. Doch dann machte ich die merkwürdige Beobachtung, daß ich mich hinterher manchmal sehr unwohl gefühlt hatte. So hatte ich mir vorgenommen, wacher auf mein inneres Gefühl zu achten, bevor ich geradewegs meinen Geldbeutel zückte.

    An diesem Tag war ich besonders tief in Gedanken versunken. Ich wollte nicht mehr in der Stadt bleiben – aber ich wollte auch nicht nach Hause fahren. So ging ich mit dem Fahrrad hin und her an den Schaufenstern der Kaufhäuser vorbei. Durch die Palisaden der Altstadt. So kam ich auch mehrere Male an der Stadtsparkasse vorbei.

    Als ich ein paar Mal diese Runde gedreht hatte, da rief mich etwas zum Innehalten. Da war doch etwas?! Ich schaute mich um und sah einen Mann neben einem Geschäft unter den Palisaden sitzen. ‚Das ist wieder ein Bettler‘ – ging es mir durch den Sinn. Und ich ging diesmal weiter. Als ich eine Weile gegangen war, dachte es wieder in mir: ‚da war doch etwas!‘ Diesmal war es klarer. Ich kehrte sofort um und ging noch einmal dorthin, wo der Bettler gesessen hatte. Er war immer noch da.

    Es war ein Mann – wie es schien über 60 – er war in einen älteren grauen Anzug gekleidet, hatte längere graue Haare. Ich bekam ein gutes Gefühl für ihn und gab ihm 2 Mark. Dann ging ich wieder fort.
    Als ich wieder eine Weile gegangen war, spürte ich dieses seltsame Gefühl zum dritten Mal. ‚Da war doch etwas!!‘

    Ich ging also wieder zurück, um zu sehen, was ich wohl ‚vergessen‘ hatte. Ich stellte mich eine Weile zu ihm hin. Dann fiel mir sein Fahrrad auf, das an der Seite an einer Säule stand, und es entging mir nicht, wie gepflegt dieser Mann trotz seiner Lebensführung aussah. Und dann sah ich etwas, das ich tatsächlich noch nie gesehen hatte:
    Aus einer der prallvollen aber ordentlichen altmodischen Gepäcktaschen, wo ich auch einen Schlafsack oder Decken vermutete lugte eine Flasche heraus. Ich dachte: ‚Na klar – der Fusel muß immer mit‘ – und mitten im Denken wurde meine vorgefaßte Meinung total umgekrempelt. Es war eine Milchflasche!

    Das erinnerte mich sofort an meine Jugendzeit, wo ich bereits mit 16 unter den Isarbrücken in München – oder im Englischen Garten geschlafen hatte. Ich hatte mich damals immer in die Studenten- Schwestern- und Zivi-Heime geschlichen, um heimlich in einem der Gemeinschaftsbäder eine Dusche zu nehmen oder gemütlich auf die Toilette zu gehen. Kleidung hatte ich mir ultra-billig auf Flohmärkten besorgt. Und das waren manchmal richtig modische und teure Fetzen. So war ich nie besonders aufgefallen.

    Als ich so darüber nachsinnierte, fühlte ich plötzlich eine tiefe Verbundenheit mit diesem fremden alten Mann. Dann gab ich mir einen Ruck und erklärte ihm, daß, wie schön und wie mutig ich es finde, daß er sich für die Hauslosigkeit entschieden hatte. Jetzt sah ich auch das Schildchen, das er vor sich stehen hatte. Darauf stand: Uwe Schade, fahrender Landstreicher.

    Viele Bilder stiegen in mir auf – erlebte und ungelebte Augenblicke meines Lebens vermischten sich. Wir unterhielten uns eine Weile und er erklärte mir, daß er nur sehr selten mit den Vorübergehenden über seine Lebensweise spräche, da sie sich nicht dafür interessierten. Seine Augen beganngen zu glühen – die meinen vermutlich auch.

    Irgendwann verabschiedete ich mich und ging fort.

    Aber wieder meldete sich dieses Gefühl, daß ich etwas übersehen hatte. Ich ging zum wiederholten male hin zu ihm, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ich schaute mich noch einmal richtig um – und da sah ich, daß er einen Stapel kopierte Hefte vor sich liegen hatte. Darauf stand: Lyrik eines Landstreichers, ‚Die Harmonie der Welt‘. Jetzt fühlte ich mich sehr betroffen. Ich entschuldigte mich von ganzem Herzen, daß ich so blind und unaufmerksam durch die Welt renne – und ich nahm sofort eines der Hefte mit.

    Als ich es zu Hause las, kamen mir die Tränen in die Augen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Da plötzlich erkannte ich, daß ich einem echten ‚Steppenwolf‘, so wie ihn Herman Hesse in seinem Buch beschreibt begegnet war!

    Ich fühle eine feierliche Stimmung, während ich diesen Text gleich wiedergebe.

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